Geschätzte Meerestiere, Zeichnungen

Künstlerische Forschung zu Ökosystemdienstleistungen von Europäischen Hummern und Austern, 2017/2018


Eine Installation im öffentlichen Raum und Ausstellung auf der Nordseeinsel Helgoland

Vom 10. Juni bis 31. August 2018 zeigt die Künstlerin Nicole Schuck eine Installation mit zehn Hissflaggen auf der Nordseeinsel Helgoland, die mit Zeichnungen ihres aktuellen Projekts „Geschätzte Meerestiere“ bedruckt sind. Parallel dazu wird im Tauchzentrum (Haus B) des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) eine Ausstellung von Zeichnungen* auf Papier der Künstlerin präsentiert.
Die Zeichnungen können während der Öffnungszeiten besucht werden.

Im Fokus der aktuellen künstlerischen Arbeiten von Nicole Schuck steht der seltene Europäische Hummer und die in der Nordsee als ausgestorben geltende Europäische Auster. Die beiden Tierarten sind von je her eng mit der Geschichte der Insel Helgoland verwoben und wichtige Akteure in gegenwärtigen und zukünftigen Nordseeprojekten. Hummer und Austern stellen für Helgoländer und Inselfans nicht nur Identifikationstiere oder luxuriöse Nahrungsmittel dar, sondern sind fundamental wichtig für das Ökosystem, dessen Teil wir alle sind.

Zusehends sieht sich die Fauna weltweit jedoch einer Ökonomisierung gegenüber, die das Tier verstärkt nach monetärem Wert und Nutzen bemisst. Der kontrovers diskutierte Begriff Ökosystemdienstleistung spielt dabei eine zentrale Rolle. Wird die Zukunft der Arten von ihrem Wert für die Menschen abhängen? Wird unsere Wertschätzung der Tiere einzig durch festgelegte Geld- oder Nutzwerte erfolgen? Könnte es sein, dass die »Wertvollen« überleben, die im wirtschaftlichen und ökologischen Sinne »Nutzlosen« aber aussterben? Oder kommt Umweltschutz heute ohne ökonomische Bewertung nicht mehr aus, da nur so gezielter Schutz erfolgen kann? Was bedeutet Ökosystemdienstleistung für unseren Bezug zur Natur?

Nicole Schuck ist diesen Fragen mit eigenen Methoden der künstlerischen Forschung auf der Spur, die sie der aktuellen wissenschaftlichen Forschung gegenüberstellt. Im Rahmen eines Stipendiums des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Kooperation mit dem Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst konnte die Künstlerin in einen mehrmonatigen Austausch mit Wissenschaftler/innen des AWIs auf Helgoland treten und die Tiere selbst im Helgoländer Institut beobachten. Auf der Grundlage von Recherchen vor Ort thematisiert sie für dieses Projekt die Ökosystemdienstleistungen der Meerestiere, indem sie das einzelne Tier aus wirtschaftlichen Bewertungssystemen herauslöst und es als Subjekt im Zusammenspiel mit seinem Lebensraum und der gemeinsamen Umwelt betrachtet. Sie forscht dabei über wertvolles Wissen von Tieren, etwa im Umgang mit plötzlichen potenziellen Veränderungen von Lebensräumen. So filtriert beispielsweise die Europäische Auster täglich 240 Liter Meerwasser und muss somit in der Lage sein, auf Umweltbelastungen oder Klimaschwankungen zu reagieren.

Die Zeichnungen auf Flaggen und Papier, die speziell für Helgoland entstanden sind und hier erstmals gezeigt werden, spielen mit künstlerisch poetischen Aspekten dieser aktuellen und komplexen Prozesse der Ökosystemdienstleistungen und sensibilisieren für einen ästhetischen und emotionalen Umgang, der unter kulturellen Ökosystemdienstleistungen zusammengefasst wird und derzeit noch wenig Beachtung erfährt, weil diese Leistungen schwer errechenbar sind.

Auf den ersten Blick weisen die Arbeiten von Nicole Schuck eine große Nähe zu wissenschaftlichen Zeichnungen auf, für die eine gewisse Effizienz wichtig ist: Durch Vereinfachung und Auslassung unwichtiger Details wird wissenschaftliche Erkenntnis auf das Wesentliche hin konzentriert. Genau an diesem Punkt setzen auch die Zeichnungen der Künstlerin an, die sich durch einen extrem hohen Grad von Detailliertheit ausweisen und eine Möglichkeit sind, das Unsichtbare zu fassen und künstlerisch sichtbar zu machen. Die verschiedenen Schichten der Zeichnungen, die sich aus dem gesammelten Material und dem eigentlichen Zeichnen zusammensetzen, verdichten sich, kristallisieren und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Von der fertigen Zeichnung ausgehend sind wiederum die vielen Schichten/Beziehungen für das Publikum spürbar. Bei genauerer Betrachtung werden die Fragmentierung und das Einfließen andersartiger Strukturen in einen Tierkörper deutlich. Fremdartige Elemente verdichten sich beispielsweise in Physiognomien von Tieren. Oder es wachsen Linien aus Tierhäuten und Schalen und werden zu neuen Organismen und Formationen.

Auch die zehn Hissflaggen, denen Spaziergänger immer wieder an diversen Orten begegnen werden, haben etwas von einem natürlichen Organismus, der sich über die Insel ausbreitet. Flaggen stehen für Nationalzugehörigkeiten. Sie verweisen auf Ordnungssysteme und senden besondere Signale. Wie ein Apell markieren sie hier auf Helgoland, dass sowohl die Europäische Auster wie der Hummer in dieser Region beheimatet waren und dass sie es auch zukünftig wieder sein werden. Die Flaggen verleihen den unter Wasser lebenden Meerestieren eine Präsenz und verdeutlichen ihren Stellenwert als Teil des Lebens auf der Insel. Je nach Windstärke entfalten sich die fünf Motive oder verschwinden im unbewegten Stoff. Die Tiere „entziehen“ sich also von Zeit zu Zeit, ähnlich wie es beim Beobachten in freier Wildbahn geschehen kann – ein Spiel mit Auf- und Abtauchen, mit An- und Abwesenheit. Außerdem ist der Stoff der Flaggen Tag und Nacht den klimatischen Verhältnissen auf Helgoland ausgesetzt, die sich während der Laufzeit der Ausstellung in die Stoffe einschreiben. Die Flaggen werden möglicherweise reißen oder ihre Farben verändern. Eine Allegorie zum Ökosystem in der Nordsee, das den permanenten, positiven wie negativen, Einflüssen unterliegt, die langfristig Auswirkungen zeigen.

Das Vorgehen der Künstlerin basiert auf dem Wechselspiel von künstlerischen Prozessen und Methoden der Wissenschaftlichkeit, das seit vielen Jahren Grundlage ihrer künstlerischen Arbeit ist. Seit 2005 realisiert Nicole Schuck Projekte an der Schnittstelle der beiden Bereiche, lotet die Überschneidungsflächen aus und bedient sich ihrer unterschiedlichen Forschungs- und Erkenntnismöglichkeiten. Aus der Verbindung von Kunst, Wissenschaft, Erzählungen/Geschichten, Erfindungskraft und Beobachtung, Zufällen und Irrtümern lässt sie neue visuelle Erkenntnisräume entstehen, die subjektiv und sinnlich komplexe Zusammenhänge in eine unmittelbare Erfahrbarkeit übersetzen. Durch das Öffnen von neuen Wahrnehmungssituationen können emotionale Erfahrungen, konträre Ideen, neue Interpretationen und möglicherweise auch überraschende Lösungsansätze entstehen.

Weitere Arbeiten unterschiedlicher Medien zu diesem Projekt werden im Verlauf dieses Jahres entstehen.

* Aus konservatorischen Gründen sind Reproduktionen der Zeichnungen im Tauchzentrum (Haus B) des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) ausgestellt.


In Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI),
ermöglicht durch das Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst, mit Unterstützung der
Kurverwaltung Helgoland und der einheimischen Flaggenmastbesitzer.

Besonderer Dank
Philipp Fischer (AWI), Michael Janke (AWI), Kinga Jarzynka (AWI), Roland Krone (Reefauna), Liliana Lehmann (AWI), Bernadette Pogoda (AWI), Isabel Schmalenbach (Reefauna), Andreas Schmidt (AWI).

Flaggenmastbesitzer: Reederei Cassen Eils, Familie Benedikt Meinhardt, Familie Uterharck, Frau Helga Wichers.